Projektübersicht

Vorarbeiten DAI

Vor diesem Hintergrund hat die DFG im Nachgang zu einem Strategieworkshop „Infrastrukturen in den Altertumswissenschaften“ am 16./17. April 2008 eine Arbeitsgruppe eingesetzt (im Folgenden DFG-Arbeitsgruppe), der Vertreter verschiedener Institutionen und Disziplinen angehören. Diese bilden die Altertumswissenschaften in der Bundesrepublik Deutschland strukturell mit ihren verschiedenen Methoden, aber auch gesellschaftlichen Aufträgen ab:
Prof. Dr. Ortwin Dally, Generalsekretär des Deutschen Archäologischen Instituts in Berlin als größter außeruniversitärer Forschungseinrichtung auf dem Gebiet der Altertumswissenschaften mit Zweiganstalten im In- und Ausland sowie Feldprojekten auf allen fünf Kontinenten und dem Auftrag, die erzielten Ergebnisse langfristig für die Forschung bereitzuhalten
  • Prof. Dr. Friederike Fless, FU Berlin, Sprecherin des Exzellenzclusters TOPOI, als Vertreterin großer, von der DFG geförderter Forschungsverbünde und universitärer Einzelprojekte
  • Prof. Dr. Jürgen Kunow, Leiter des Rheinischen Amtes für Bodendenkmalpflege in Bonn und Vorsitzender des Verbandes der Landesarchäologen in der Bundesrepublik Deutschland als Vertreter der Landesdenkmalämter mit dem Auftrag, Kulturgüter in den Bundesländern zu erforschen und zu bewahren
  • Prof. Dr. Ulrich Lang, Leiter des Rechenzentrums der Universität Köln, als Vertreter universitärer Projekte zur Datenzusammenführung, -vorhaltung und -langzeitspeicherung
  • Prof. Dr. Johannes Müller, CAU Kiel, Sprecher der Graduiertenschule „Human Development in Landscapes“ (Exzellenzinitiative), als Vertreter großer, von der DFG geförderter Forschungsverbünde und der Nachwuchsförderung
  • Dr. Heike Neuroth, Leiterin der Abteilung Forschung und Entwicklung an der SUB Göttingen und Konsortialführerin des BMBF Projektes „TextGrid - Vernetzte Forschungsumgebung in den eHumanities“ sowie langjährige Expertin der Themenbereiche digitale Langzeitarchivierung und Forschungsdaten
  • Prof. Dr. Ernst Pernicka, Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie in Mannheim, als Vertreter universitärer Projekte und An-Institute für den Bereich der Naturwissenschaften
  • Prof. Dr. Andreas Scholl, Direktor der Antikensammlung in den Staatlichen Museen Berlin, als Vertreter der Museen
  • Prof. Dr. Stephan Seidlmayer, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, als Vertreter der Akademien mit ihren Langfristprojekten u. a. im Bereich der Ägyptologie, der griechischen und lateinischen Epigraphik.

Der Auftrag der DFG lautete, ein Konzept für die Informationsversorgung der Altertumswissenschaften in Deutschland zu erarbeiten, Richtlinien für Forschungsdaten aus Feldprojekten (Ausgrabungen, Surveys, Bauforschung, Prospektion) zu erstellen und entsprechende Empfehlungen an die DFG zu formulieren.
Die DFG-Arbeitsgruppe hat sich seither in halbjährlichem Abstand getroffen und ihre Planungen in einem weiteren Gespräch 12.3.2009 mit der DFG in Hinsicht auf den vorliegenden Antrag hin abgestimmt. Die angefallenen Reiskosten wurden durch das DAI aus Eigenmitteln übernommen. Die FU Berlin hat darüber hinaus ebenfalls aus Eigenmitteln für 10 Monate eine BAT II A-Stelle finanziert, um in einem ersten Schritt durch die gezielte Befragungen der Mitglieder der DFG-Arbeitsgruppe zu Datenformaten, Hard- und Softwareausstattung, Richtlinien und Standards, Metadaten, Daten- und Archivzugang, Archivkosten und Fortbildung Ausgangsszenarien zu beschreiben und allgemeine Anforderungen zu skizzieren.

Bisherige Arbeitsergebnisse:

Das zentrale Ergebnis der DFG-Arbeitsgruppe ist, dass alle Institutionen darin übereinstimmen, gemeinsam und zeitnah nachhaltige Strukturen zur Lösung der skizzierten Probleme und der Verbesserung der Qualität der Forschungsdaten entwickeln und umsetzen zu wollen.

Die bisherige Arbeit hat im Detail zu einer genaueren Beschreibung der Vielfalt der altertumswissenschaftlichen Arbeitsfelder und der dazugehörigen Daten geführt. Die Altertumswissenschaften umfassen Editions- und Corpusprojekte, Ausgrabungen und Surveys, die Erschließung von Fundobjekten, Prospektionen und Bohrkernanalysen, die Dokumentation und Restaurierung von Gebäuden, aber auch klima- und landschaftsgeschichtliche sowie anthropologische und naturwissenschaftliche Untersuchungen. Die dabei generierten Primärdaten reichen von digitalen Fotografien, Luftbildern, Satellitenbildern, Texten, Datenbanken, Vermessungsdaten, Punktwolken, Photogrammetriedaten, 3D-Rekonstruktionen und 3D-modellen, Filmen/Videos, Vektorzeichnungen bis zu groß- und kleinformatige Scans.

Dabei wurde als ein erster Problembereich beschrieben, dass diese Daten entsprechend der Vielzahl der Institutionen und Fachdisziplinen in sehr unterschiedlichen Formen gesichert und archiviert werden und dabei eher defizitär zugänglich und nachnutzbar sind. Abgesehen von Insellösungen für einzelne Projekte und Institutionen fehlen hier grundsätzliche Lösungen: In der Berlin-Brandenburgischen Akademie sind z.B. intern Überlegungen zur langfristigen Sicherung von Daten in Angriff genommen worden. In den Landesdenkmalämtern liegen vereinzelt jeweils spezifische Regelungen für den Transfer von Grabungsdaten in Archive vor (Der Verband der Landesarchäologen hat hierzu 2008 ein Kolloquium durchgeführt), es fehlen aber Modelle eines routinierten Archivierungsprozesses und Fallback-Strategien im Sinne eines OAIS (OAIS steht für Open Archival Information System bzw. Offenes Archiv-Informations-System (ISO-Standard 14721:2003)); diese werden im Rahmen einer AG Archivierung diskutiert (Die AG Archivierung ist Teil der Kommission Archäologie und Informationssysteme und führte eine Umfrage durch, auf Grund derer offene Fragen, Handlungs- und Klärungsbedarf ermittelt werden. Ein Bericht hierzu wird Mitte Mai auf der Homepage des Verbandes veröffentlicht). Im DAI sind entsprechende Regelungen erst im Aufbau begriffen, und auch die Staatlichen Museen Berlin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz stehen erst am Anfang, entsprechende Strategien zur Langzeitarchivierung zu entwickeln (Im Rahmen der im Aufbau begriffenen Deutschen Digitalen Bibliothek). Alle an der DFG-Arbeitsgruppe beteiligten Institutionen sehen daher eine wesentliche Aufgabe darin, Lösungen für eine langfristige Archivierung, Nachnutzung und Zugänglichkeit relevanter Forschungsdaten und Forschungsergebnisse zu entwickeln.

Als ein zweiter Problembereich konnte das Fehlen von Richtlinien für den Umgang mit Forschungsdaten beschrieben werden, um Minimalstandards zu definieren, die heterogenen Primärforschungsdatenbestände zu analysieren, zu erfassen und zu kategorisieren. Nur durch fach- und formatspezifische Empfehlungen und Richtlinien unter Berücksichtigung existierender Standards können komplexe Datenbestände aus Grabungen in Formate gebracht werden, die auch in Zukunft nach momentanem Kenntnisstand leicht und ohne Informationsverlust umgeschrieben werden können. Diese Fragen wurden auch auf internationaler Ebene auf einer von der American School at Athens und dem DAI veranstalteten DFG/ANH-Tagung in Athen im November 2009 diskutiert. Die DFG-Arbeitsgruppe hat begonnen, unter Berücksichtigung bereits existenter Empfehlungen einen entsprechenden BestPractice-Leitfaden zu formulieren. Leitlinien für Daten, die bei Feldgrabungen gewonnen werden, liegen bereits vor. Sie werden ergänzt durch Empfehlungen zu den textbasierten Altertumswissenschaften, die bei einem von der DFG-finanzierten Rundgespräch der DFG-Arbeitsgruppe im Januar 2010 unter Leitung von Stephan Seidlmayer mit internationalen Experten diskutiert worden sind.

Die Archivierung, Zugänglichkeit und Nachnutzbarkeit von standardisierten Daten bildet wiederum die wesentliche Grundlage dafür, eine langfristige Verknüpfung (Interoperabilität) dieser heterogenen Datenbestände mit entsprechender Interoperabilität darauf zugreifender Management- und Analyse-Tools zu erreichen. In diesem dritten Problembereich konnte die DFG-Arbeitsgruppe im wesentlichen zwei Ansätze beobachten: Ein Ansatz, der seit 2005 vom Verband der Landesarchäologen verfolgt wird, ist der Datenaustauschstandard ADeX®, mit dem zentrale Informationseinheiten aus komplexen Datenbanksystemen zusammengeführt und damit gemeinsam recherchierbar und kartierbar gemacht werden. ( Archäologischer Datenexport (ADeX®), entwickelt von der Kommission „Archäologie und Infromationssysteme“ im Verband der Landesarchäologen der Bundesrepublik Deutschland ist ein deutschlandweiter Standard der Landesämter für den Datenaustausch archäologischer „raumbezogener“ Informationen) Wegen der Fokussierung auf denkmalpflegerische Belange (Verortung, Kartierung, Schutzkriterien) und der Ressourcenknappheit können komplexe Zusammenhänge, wie z.B. präzise chronologische Fragestellungen, allerdings auf diese Art und Weise nur unzureichend oder sehr ausschnitthaft abgebildet werden. Ein anderer Ansatz, der versucht unter Verwendung von CIDOC-CRM von Museen und anderen Institutionen als conceptual reference model entwickelt, um Kulturgüter zu verwalten, kann es genutzt werden, um heterogene Informationen aus verschiedenen Kultureberreichen zusammenzuführen. Es ist als internationaler ISO-Standard (ISO 21127:2006) zertifiziert. Eine Erweiterung für die archäologische Arbeitspraxis wurde von English Heritage) entwickelt die ganze Erschließungstiefe von heterogenen Datenbanksystemen abzubilden, ist von den Museen, dem DAI, TOPOI und der Universität zu Köln erprobt und auf einem Workshop im DAI unter internationaler Beteiligung diskutiert worden. Dabei zeigte sich vor allem, dass trotz aller Erfolge in einzelnen Pilotprojekten diese Versuche technisch und semantisch sehr aufwendig sind.

Darüber hinaus konnte die Arbeitsgruppe grundsätzlichen Lösungsbedarf in zwei weiteren Bereichen bestimmen: So ist zum einen eine stärkere Einbindung informationstechnologi­scher Themen in die Ausbildung notwendig, um über bisherige Ansätze hinausgehend Studenten frühzeitig mit Standards und gut zu nutzenden Werkzeugen vertraut zu machen. Zum anderen konnten im Bereich rechtlicher Fragen eine Reihe von ungelösten Problemen identifiziert werden. Die freie Verfügbarmachung von Daten im open access wird zum Teil durch urheberrechtliche Regelungen erschwert. So unterliegen beispielsweise Satellitenbilder und LIDAR-Scans sehr strengen Urheberrechtsregeln, die eine Veröffentlichung im Internet zumeist verhindern. Andere Einschränkungen ergeben sich aus Bestimmungen des Denkmalschutzes der Bundesländer und anderer Staaten, die beispielsweise die Dokumentationen von Objekten in ausländischen Museen verhindern können.

Die Arbeitsgruppe ist auf der Grundlage ihrer bisherigen Analysen zu dem Ergebnis gekommen, dass bislang ein Verbund fehlt, der ein Qualitätsmanagement für die in der Bundesrepublik Deutschland vertretenen Altertumswissenschaften insgesamt übernimmt, eine Adresse im internationalen Kontext darstellt, die Sicherung und Bereitstellung von Daten vornimmt, ihre mittel- und langfristige Interoperabilität und Interfunktionalität garantiert, hierzu forscht und Empfehlungen, die auch zu Richtlinien der DFG werden könnten, ausspricht, juristische Fragen klärt sowie Informations- und Beratungsbedarf zu technischen Entwicklungen abdeckt.

 
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