Einleitung

F√ľr die Durchf√ľhrung arch√§ologischer und altertumswissenschaftlicher Forschungsprojekte ist die Anwendung von In¬≠formationstechnologien verschiedener Art immer gel√§ufiger und selbstverst√§ndlicher. Dennoch fehlt es bis¬≠lang an etablierten Strukturen, Standards und Verfahrensweisen, die allen Pro¬≠jekten den erprobten und effizienten Einsatz von IT erm√∂glichen, Vergleichbarkeit ge¬≠wonnener Datenbest√§nde erlauben, √ľbergreifend gleichwertige Qualit√§t digitalen Ma¬≠terials sicher¬≠stellen und die langfristige Les- und Nutzbarkeit von Forschungsergebnissen in digi¬≠taler Form garan¬≠tieren. Durch die Einhaltung von Standards k√∂nnen nicht nur redundante Entwicklungsarbeiten mit zus√§tzlichen Finanzierungs-, Zeit- und Arbeits¬≠aufw√§nden vermieden werden, sondern auch der Austausch von wissenschaftlichen Inhalten vereinfacht werden.

In zunehmendem Ma√üe fordern auch wissenschaftspolitische Gremien, wie DFG, Wissenschaftsrat oder Schwerpunktinitiative "Digitale Informationen", die Nachhaltigkeit und die Vernetzbarkeit digitaler wissenschaftlicher Informationen ein, was eine Auseinandersetzung mit Dateiformaten, Datenmanagement, Normen, Mindeststandards, semantischen Referenzmodellen, Dokumentations- und Austauschverfahren erforderlich macht - sowohl bei kleineren Projekten eines Einzelnen als auch bei gr√∂√üeren disziplinen- und institutionen√ľbergreifenden Forschungen. Einheitliche und in den jeweiligen Fachcommunities abgestimmte Vorgehen er√∂ffnen f√ľr die aktuelle und zuk√ľnftige Forschung neue M√∂glichkeiten, um auf einer gr√∂√üeren, qualit√§tvolleren und homogeneren Datengrundlage komplexe Fragestellungen besser als bisher beantworten zu k√∂nnen.

Die IT-Empfehlungen sind als Hilfestellungen f√ľr alle Akteure in den Altertumswissenschaften konzipiert, um die langfristige Erhaltung und Benutzbarkeit des wissenschaft¬≠lichen Quellenmaterials zu gew√§hrleisten sowie die Interoperabilit√§t von Daten unterschiedlichen Ursprungs zu verbessern. Durch die Ver√∂ffentlichung von vollst√§ndigen digitalen Datensammlungen kann der Prozess der traditionellen Publikation von Forschungsergeb¬≠nisse bef√∂rdert und erg√§nzt werden, bspw. durch die zus√§tzliche Online-Bereitstellung von nicht in Druck¬≠form publizierten Katalogen, Analyseserien, Rekonstruktionen o.√§.m. (sog. Datenpublikationen).

Die hier zusammengetragenen IT-Empfehlungen befassen sich vor allem mit der Frage, wie digitale Daten besser ausgetauscht, f√ľr die Zukunft aufbewahrt und dauerhaft verstanden werden k√∂nnen. Sie fokussieren also auf technische Formate und inhaltliche Beschreibung von Daten und Methoden, die f√ľr die langfristige Archivierung, Bereitstellung und Nachnutzung von Daten von zentraler Bedeutung sind. Spezifische Vorgaben zu fachlichen Methoden, Fragestellungen, Workflows oder Anwendungen sind dagegen nicht Gegenstand der Empfehlungen.

Weitere Informationen zur Relevanz und Kuratierung von digitalen Forschungsdaten in den Altertumswissenschaften sind in den "Guides to Good Practice" des Archaeology Data Service zu finden, wo ebenfalls auf weiterf√ľhrende Publikationen verwiesen wird.

Umsetzung

In der Regel wird es in bestimmten Phasen eines Projektes oder aufgrund institutioneller Rahmenbedingungen notwendig sein, von diesen IT-Empfehlungen abzuweichen, vor allem w√§hrend der Generierung und der Auswertung von Daten. Da im Folgenden nur minimale Standards beschrieben werden, kann es f√ľr deren praktische Anwendung hilfreich sein, dar√ľber hinausgehende Spezifizierungen festzulegen, z. B. Wege zur konkreten Umsetzung von Vorgaben zu definieren, Zust√§ndigkeiten beim Forschungsdatenmanagement zu verteilen oder zus√§tzliche forschungs- bzw. organisationsspezifische Bedingungen zu diskutieren. Diese Spezifizierungen sowie Abweichungen von Standards sollten immer sorgf√§ltig abgewogen, hinsichtlich der digitalen Nachhaltigkeit und Austauschbarkeit hinterfragt und ausreichend dokumentiert werden. Zudem gilt es jeweils zu pr√ľfen, ob dadurch zus√§tzliche Arbeitsschritte erforderlich werden.

Da Forschungsdaten in hohem Ma√üe von einem zyklischen Charakter gepr√§gt werden, wie beim Lebenszyklus von Daten beschrieben, sind die Archivierung und Nachnutzung von Daten keine Aspekte, die erst am Ende eines Projektes zu behandeln sind, sondern bereits vor bzw. bei der Erhebung der ersten digitalen Dateien ber√ľcksichtigt werden m√ľssen.

Wird z. B. bei Fotografien nicht von Anfang an festgehalten, wer an welchem Ort und zu welchem Zeitpunkt ein Bild aufgenommen hat, oder bei Messungen ger√§tespezifische Eigenschaften, die die Qualit√§t von Daten bestimmen, nicht dokumentiert, so k√∂nnen diese wichtigen Angaben nach dem Projektende fehlen oder mangels Personal, Finanzmittel oder M√∂glichkeiten nachtr√§glich nicht mehr erhoben werden. Forschungsdaten sind dadurch potentiell in ihrer Qualit√§t f√ľr eine wissenschaftliche Nachnutzung durch Dritte stark eingeschr√§nkt. √Ąhnlich kann es sich bei der Verwendung propriet√§rer Formate verhalten, bei denen einerseits eine Migration auf neuere Programmversionen nur mit inhaltlichen und/oder funktionalen Verlusten einhergeht und andererseits kein Export der Inhalte in anwendungsunabh√§ngige Formate unterst√ľtzt wird. In diesem Fall ist ein realer Datenverlust vorhersehbar.

Zur Verwirklichung der hier aufgef√ľhrten IT-Empfehlungen sollten Einrich¬≠tungen entsprechende Strukturen aufbauen, die For¬≠schungsprojekte bei der Formulierung von IT-Konzepten beraten und diese begutachten, die bei der Implementierung eines Forschungsdatenmanagements unterst√ľtzen, die die Qualit√§tskontrolle von Daten √ľbernehmen sowie deren langfristige Verf√ľgbarkeit und Archivierung gew√§hrleisten.

F√ľr laufende Projekte und "Altdaten" gilt Bestandsschutz. Da aber auch diesen Daten ein hoher wissenschaftlicher Wert zukommt, den es in der Regel zu erhalten gilt, ist auch hier eine Anpassung bzw. Migration auf aktuelle Standards und Empfehlungen in jedem Fall erstrebenswert und es sollte immer gepr√ľft werden, ob ein solcher Schritt m√∂glich ist.

Weiterhin ist der Einsatz von Informationstechnologien und der Umgang mit digitalen Daten an die Ber√ľcksichtigung des Urheberrechts und des Datenschutzes gebunden.

In welcher Projektphase sollten Sie diese Empfehlungen lesen?

  • In der Antrags- und Planungsphase eines neuen Projektes, um fr√ľhzeitig technische, personelle und finanzielle Anforderungen und L√∂sungen ber√ľcksichtigen zu k√∂nnen
  • W√§hrend der Durchf√ľhrung von Forschungsprojekten als Referenz f√ľr spezifische Fragen und Probleme
  • Vor der √úbergabe von Daten an ein institutionelles Archiv oder Datenrepositorium

Autoren und Quellen der Empfehlungen

Die hier präsentierten Empfehlungen und Hintergrundinformationen beruhen im Wesentlichen auf drei Quellen.

1. Texte von Fachspezialisten, die aus unterschiedlichen Institutionen, Disziplinen und Projekten stammen und Vorschl√§ge f√ľr die jeweiligen Fachcommunities formuliert haben. Entsprechend werden am Ende der einzelnen Kapitel die ma√ügeblichen Autoren genannt. Dieser Prozess wurde seit 2007 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft angesto√üen und unterst√ľtzt (u. a. durch die Finanzierung vorbereitender Arbeitstreffen) sowie durch das Deutsche Arch√§ologische Institut in seiner Gesamtheit koordiniert. IANUS hat f√ľr die Ergebnisse die technische Plattform bereitgestellt und die redaktionelle Qualit√§tssicherung √ľbernommen. Die weitere Pflege und Aktualisierung der IT-Empfehlungen wird durch entsprechende Mitarbeiter √ľbernommen sowie ihre Umsetzung durch entsprechende Angebote unterst√ľtzt.

2. Der vom DAI entwickelte Leitfaden zur Anwendung von Informationstechniken der archäologischen Forschung, der sich im Downloadbereich befindet, wird vollständig durch die von IANUS betreuten IT-Empfehlungen abgelöst. Inhalte dieses IT-Leitfadens sind vollumfänglich in die hier formulierten Mindeststandards eingeflossen und wo notwendig aktualisiert bzw. ergänzt worden.

3. Standards und Ver√∂ffentlichungen anderer Einrichtungen, um die hier formulierten Mindeststandards in den nationalen und internationalen Kontext zu stellen und l√§nder√ľbergreifende √úbereinstimmung in Kernfragen zu erreichen. Hervorzuheben sind in diesem Kontext besonders die "Guides to Good Practice" des Archaeology Data Service in York, England und der Digital Antiquity in Tempe, Arizona, USA, die "How-to Guides" des Digital Curation Center in London, England und der noch nicht finalisierte "Ratgeber zur Archivierung Digitaler Daten" des Verbandes der Landesarch√§ologen in Deutschland.

Autoren: 

Schäfer

Felix F.
DAI - IANUS

Trognitz

Martina
DAI - IANUS

Letzte Änderung: 7. August 2017